Bereits seit 2018 steht der Plastikmüllbeutel im Fokus künstlerisch kreativer Forschungen der Arbeit.
Ein leerer Plastikmüllbeutel, vom Wind erfasst, bläht sich auf und beginnt, sich in unvorhersehbaren, flatternden Bewegungen durch
den Raum zu wirbeln.
Der Wind selbst bleibt unsichtbar - erst durch den Widerstand des Materials wird seine Präsenz erfahrbar. Das scheinbar Wertlose wird zum Träger von Dynamik., Rhythmus und fragilem Gleichgewicht.
Die Bewegung beinhaltet eine schier unerwartete Harmonie:
Ein Zusammenspiel aus Leichtigkeit und Spannung, Kontrolle und Ausgeliefertsein.
Der Müllbeutel wird zur Ikonographie eines Windbeutels - einer Form, die nur durch äußere Kräfte Gestalt annimmt.
Er ist Projektionsfläche, Hülle und Resonanzkörper.
Seine Aufblähung suggeriert - auf eine sehr aufdringliche und unangenehme Art und Weise - Bedeutung, Volumen und Dramatik, sie drängt sich penetrant in die Aufmerksamkeit des Rezipienten (dem geheimen Komplizen), während sein Inneres leer bleibt. Gefüllt mit Luft.
Die flatternde Choreografie oszilliert zwischen Anziehung und Irritation, zwischen ästhetischer Schönheit und latenter Instabilität.
Als Metapher könnte man einen Verweis auf menschliche Verhaltensmuster verstehen, welche stark von äusseren Impulsen, Aufmerksamkeit und emotionaler Dramatisierung abhängig sind. Der Windbeutel, dessen Selbstbild sich primär durch Reaktionen anderer formt - ein permanentes Aufgeblähtsein durch Konflikt, Inszenierung oder emotionale Überladung.
In diesem Kontext lassen sich Bezüge zu narzisstischen Dynamiken mit höchst pathologischem Potenzial sowie Phänomene wie Parental Alienation ableiten:
Beziehungen werden zum Luftstrom, der benutzt wird, um Bedeutung zu erzeugen, während Bindung instrumentalisiert und verzerrt wird.
Die Arbeit macht Unsichtbares sichtbar:
Psychische Kräfte, Manipulation, emotionale Strömungen sowie Störungen. Sie stellt die Frage, wo Bewegung endet und Eigenständigkeit beginnt - und ob Harmonie auch dort entstehen kann, wo Leere, Abhängigkeit, Grausamkeit, Rachefeldzüge, Schmiertheater und Projektion den Raum bestimmen.
Feldforschungsergebnisse zu einem flatternden Körper
Der angebundene Plastikmüllbeutel ist kein Objekt mehr, sondern ein Ereignis.
Er hängt an einem Stück Garn festgeknotet über zwei Handschlaufen, der Bauch durchsichtig, leer und doch voll. Der Wind hebt ihn an, lässt ihn zittern, vibrieren, wieder steigen.
Ein Atmen ohne Lunge.
1. Materialbeobachtung:
Der Beutel reagiert schneller als die Umgebung auf die Luftströmung.
Noch bevor die Blätter zittern, spannt sich der Bauch, als wüsste er, was kommt.
Das Material knistert wie eine ferne Sprache.
Polyethylen, dünn, aber ausdauernd - geschaffen für Minuten, geblieben für Jahrzehnte.
2. Bewegungsmuster
Die Bewegung ist unregelmäßig, nicht chaotisch.
Drei sich wiederholende Phasen
- Hebung: der Wind greift zu
- Widerstand: der Knoten hält stand
- Erschlaffung: kurze Ruhe, die keine ist
Beobachtung: Der Beutel ahmt Vögel nach, ohne fliegen zu können.
3. klangliche Phänomene
Bei stärkerem Wind entsteht ein trockenes Rascheln
Rezipienten nehmen es kaum wahr oder verwechseln es mit Laub (auch im Winter...) Der Beutel ist akustisch präsent, jedoch sozial unsichtbar.
4. Beziehung zum Raum
Der Müllbeutel markiert den Ort. Der Wind wird Akteure, der Knoten Regisseur, der Beutel Darsteller wider Willen.
5. Zeitliche Dimension:
Mai-Dezember 2025
Beobachtungsdauer: maximal 80 Minuten
Veränderung: keine Zersetzung, keine Ermüdung, Verschleiss (poröses Material, kleine Löcher)
Schlussfolgerung: Der Beutel überdauert die Aufmerksamkeit der Forschenden.
6. Emotionale Rückkoppelung
Begleitet von einer naiven Romantik stellt sich bei längerem Beobachten Irritation ein, dann Mitgefühl, dann Schuld.
Der Beutel bleibt gleich. Die Betrachtenden verändern sich.
Schlussbemerkung:
Der angebundene Plastikmüllbeutel flattert, weil er muss.
Er ist festgehalten und bewegt sich trotzdem.
Ein Körper, der vom Wind benutzt wird, um zu zeigen, dass selbst das Weggeworfene noch antwortet.
Link zu YouTube-Vid-Dokumentationen
https://www.youtube.com/watch?v=UDIKsvAbzIE
https://www.youtube.com/shorts/EFQanYdSzL8
https://www.youtube.com/watch?v=A_nJaPnxipg&t=1s
Im Zentrum dieser Werkreihe steht die Linie, die sich nicht als bloße Zeichenspur auf einer Fläche versteht, sondern als räumliche Präsenz, als dreidimensionale Geste.
Die geflochtenen Weidenruten bilden ein Geflecht aus Linien, die sich in den Raum hinein ausdehnen und ihn zugleich gliedern, umschreiben und durchdringen. Die Linien schaffen Tiefe, doch diese Tiefe ist nicht festgelegt oder statisch; sie entsteht aus wechselseitiger Beziehung von Material, Raum und Wahrnehmung. Das Werk ist offen, atmend, durchlässig. Es schließt sich dem umgebenden Raum nicht aus, vielmehr bindet es ihn mit ein - Licht, Schatten, Wind, Feuchtigkeit, Geräusche und sogar die Bewegung des Rezipienten, umgebender Flora und Fauna werden zu aktiven Komplizen des Werks und zum integralen Bestandteil seiner Präsenz.
Durch die Verwendung natürlicher Materialien - insbesondere der Weidenruten - entsteht ein Geflecht, das eng mit seiner Umgebung verbunden ist. Weide als natürliches Material trägt die Erinnerung ans Wachstum und die organische Entwicklung in sich.
Ihre natürliche Biegung, ihre Elastizität und die Spuren ihres früheren Lebens im Außenraum werden zu narrativen Elementen des Werkes.
Die Formen wirken figürlich, aber diese Figuration bleibt unbeabsichtigt im Sinne eines vorab festgelegten Motivs.
Vielmehr entstehen die Formen aus einer "Laune des Momentums", aus einem intuitiven Zusammenspiel von Kopf, Herz, Hand, Material, Raum und dem ominösen "Es".
Diese spontane Direktive ist bewusste künstlerische Entscheidung:
Ein Skizzieren nicht etwa auf Papier, sondern direkt im Raum selbst. Die Linien schweben nicht, sie stehen, sie tragen, sie wachsen - sie machen das Unsichtbare sichtbar: Luft, Zwischenraum, Bewegung, und Umgebung.
Je nach Tages- und Jahreszeit verändert sich das Erscheinungsbild des Werkes radikal. Morgens durchdringt milchiges Licht die Zwischenräume, am Abends werfen lange Schatten des Geflechts als grafische Zeichnung an Boden, Wänden und den umgebenden Objekten.
Während im Sommer das Werk offen und feingliedrig erscheint, wird es im Winter zu einem Liniengeflecht im kargen Raum, fast wie ein Skelett seiner sommerlichen Fülle. Solche zeitlichen und atmosphärischen Veränderungen werden keinesfalls als Störung empfunden, eher als aktive, bewusst genutzte Bestandteile des Werkes. Der Raum ist kein Hintergrund, er ist Komplize und zusammen mit dem Betrachter Vollender.
Künstlerische Parallelen:
Patrick Dougherty ist ein Künstler der mit Weidenruten grossformatige, begehbare Skulpturen schafft, welche in direkter Verbindung zur Landschaft stehen und verändern sich wie lebendige Organismen. Ähnlich wie im beschriebenen Werk entstehen die Formen intuitiv und folgen keiner festen Dogmatik einer Reproduktion eines vorhandenen Entwurfs bzw. einer formalen Vorschrift. Dougherty schafft Räume, die nur temporär bestehen, die vergehen und sich mit der Natur zurückziehen.
Das Werk "Jou" wird hier ebenfalls zum Teil seiner Umgebung und existiert nur in gegenseitiger Durchdringung.
Der Prozess des Werdens und Vergehens stellt ebenfalls Parallelen zu den Werken von Andy Goldworthy her - wobei sich der Flechtling mit Licht, Wind, Regen usw. witterungsbedingt mit der Zeit wandelt.
So wie in den Werken von Nils Udo wird die Landschaft nicht als Hintergrund, sondern als integraler Mitautor angesehen.
Flechtlinge als Werkreihe wirken wie dreidimensionale Zeichnungen im Raum, die als atmende Körper aus Linien, Zeit und Umgebung bestehen. Keine abgeschlossene Objekte, eher als offener Prozess der sich in Zusammenspiel mit Licht, Witterung, Menschen, Umgebung und Jahreszeiten entfaltet.
Die Formen sind zufällig und doch bedeutungsschwanger, intuitiv aber präzise im Dialog mit ihrem umgebenden Raum.
So werden Flechtlinge aus Weidenruten zum Geflecht aus Raum, Zeit - und der Raum selbst zum Werk.
Bruchteilstücke – Eine Installation im Weideniglu
Fragmente eines Augenblicks – wie Splitter aus Zeit und Gefühl. Die Installation im Weideniglu fängt bruchteilsartige Erinnerungen ein: flüchtige Reflexionen von Nähe und Distanz, Licht und Schatten, Gedeihlichem und Schmerzhaftem. In dieser dichten Verdichtung eines Moments manifestieren sich Erfahrungen und Emotionen, die das Wesen eines Menschen formen – und ohne die das Ich ein anderes wäre.
Flashbackartig entfaltet sich im Inneren des Weideniglos ein vielschichtiges Erinnerungsbild. Die Vergangenheit wirkt wie ein Echo in die Gegenwart hinein – tastend, fordernd, formend.
Als beinahe öffentlicher Ausstellungsraum konzipiert, tritt das Weideniglu in Dialog mit seiner Umgebung. Bei Dunkelheit sichtbar für vorbeiziehende Passanten und Autos, lädt es ein zum Innehalten, zum Beobachten – vielleicht auch zur Selbsterkenntnis.
"Was es ist"
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
"Lady Tabbu- miracle we" 3'24
Als ich dich das erste Mal schon sah
Da war es mir sofort klar
Brechen lass ich mein Herz heut nur von Dir
Mutantrinken- dazu brauch ich zwei Bier
Verschmitztes Lächeln, wunderschön braune Haut,
Die Musik dazu spielt ultra laut
Body top in shape, athletisch, die Kurven abnormal
Rhythmisch bewegt zum Groove die Femme fatale
Blickhascherei, angezogen von meinem Move
Auf französisch: Quel miracle que je te trouve
Nice zu leben endlich wieder frei
Loslassen von Allem, lautes Geschrei
Wir zwei nun angedockt Rücken an Rücken,
Feuchte Lippen, verführerisch Dein Duft
Oha, mir bleibt weg die Luft
Gezwirbelt Haarspitzen, verstohlen Blick, filigran die Finger
Zärtlich berührt die Hand, tanzend liebestrunkner Spinner
Verlockend rote Lippen, sinnlich betäubend Cocosduft
Mein unendlich Leid nun geschwind verpufft
Endlich an Dir dran
Der Plan kommt voran
Verschmelzung in Sicht, magisch bestimmt dies Begegnung
Beide ausser Rand und Band, sinnlich unbändig dies Erregung
Augen kosmos-schwarz, ich darin total lost
Beide vereint bei aller letztem Tanz: "Körperkontakt, aber just soft!"
Welch Wunder, dies Begegnung mit Engelswesen Oho
Gähnend Tabbu, Wimpern klimpernd: "begleite mich los, ich muss lalo!"
Der DJ legt nun die letzt Platte auf
Du Deinen betörend Blick noch oben drauf!
Roter Teppich ruft laut: Also lauf Junge rauf!
Anmächelig Tabbu, wie ein Blümlein hübsch und fein
Freiwillig gehe ich Dir heut auf den Leim
Berauschend Blütennektar, verwirrt Schmetterling, Deiner Schönheit verfallen
Benebelt sucht Stempel, verdorben Gelächter auf allen Fluren hallen
Räkelnd auf rotem Teppich personifizierte Verführung
Verräterisch lachend, lässt fallen schamvoll Enthüllung
Unersättlich nach Deinem Nektar, hmmm wie wunderbar
Persien, Marokko vereint, so geistreich und schön, Subhan Allah
Meine Blicke haften an Dir wie zweite Haut
Mutig mein Herz, hat sich doch an Dich heran getraut
Die Nacht verging im nu ohne ein bißchen Schlaf
Ob ich Dich noch einmal mit Sahnepudding genießen darf?
Die Lück von altem Kummer schnell gefüllt
Der Liebesdolch vom Halfter bei Unterdruck umhüllt
Damals mit 13, jung und ganz unbekümmert
Heut knapp 50, unnütz Gelöbnis recht weise zertrümmert
Sonnenstrahlen vereint golden Schimmer auf deiner Haut
Möcht anhalten den Moment, vergeblich, Battsch Batsch Batscht es -doch so laut
Bebend Herzen, unendlich Appetit, Wimmern in Morgendämmerung
Erwartet uns doch unaufhaltsam die leidvoll Trennung
Kannst nun gehen, es steht dir wahrlich frei
Ach wie schön unvergesslich diese Liebelei
Die Zeit schreitet voran, dann der Schock
Abschiednehmen, beide kein Bock
Wiedersehen steht in Sternen
Junggesellenvolk weit aus dem Fernen
Vorbei nun die Nüchternheit, betäubt durch Deine Präsenz
Grausam Gefühl von Ohnmacht- und Glückseligkeit in Kohärenz
Oh Du Geschenk des Himmels wann seh ich Dich wieder?
Vor Dir geht dieser Schmetterling auf die Knie nieder
Du schaust mich an, taubedeckt Black-Pearls Augen
Oh wie gern würd ich noch an der Blüte saugen
Schweigst mich an, zartrosa Lippen, zauberhaft das Lächeln
Verzweiflung rührt erneut, wenn Männer schwächeln
Wartet doch der Rivale mit Verlobungsring bereit
Verblasst nun erneut die neuentdeckt Heiterkeit
Letzte Umarmung mein Herz verbrennt zu Asche
Meld Dich wieder, meine Nummer versteckt in Deiner Tasche
Die immerwährende Beschäftigung mit der zyklischen Folge von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits sowie der Zwischenwelt stellt eine generelle Basis der leuchtenden Werke dar. Die facettenreichen Phänomene der Welt des Lichts und der des Schattens, welche wir einerseits bewundern andererseits fürchten und uns Schutz in Religion, Philosophie oder in der Welt des materiellen und medialen Konsums erhoffen, werden thematisiert.
Die Sünde als Resultat ausgelebter niederer Triebe ist verführerisch-ekstatisch und beängstigend-blasphemisch zugleich, welche Reize auslösend in Versuchung führen. Religiöse, philosophische und ethisch-moralische Weltanschauungen halten nur bedingt davon ab, die Schattenseite des Seins zu betreten.
Das „Wesenartige“ beschleicht die Seele und krümmt den Leib in animalische Formen. Kafkaesk metaphorische Verwandlungen ermöglichen einschlägige Grenzerfahrungen mit tiefgreifendem Charakter.
Die Auswahl der verwendeten Materialien bildet eine Korrespondenz zur Thematik. Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs benutzt, beschädigt, als irreparabel, also nutzlos erklärt und zuletzt weggeworfen, werden bewusst gefunden und mit Teilen anderer objet trouves kombiniert. Die dadurch entstandene Materialassemblage greift ursprüngliche Gebrauchsstrukturen zum Teil auf und verleiht dem Alten neues Leben. Die so entstandenen Neomorphismen wirken einerseits vertraut und zugleich enigmatisch, wodurch eine phantastisch mystische Korrelation zur Sagenwelt evoziert wird.
Durch die Verwandlung der Ausstellungsräume in begehbare Bilder wird die »ästhetische Grenze« der Bildoberfläche überwunden.“
Offene Objekte bilden das Grundgerüst einzelner Elemente der Installationen. Die einzelnen Bestandteile sind so collagenartig zusammengesetzt, dass deren skulpturale Bedeutung von Teil zu Teil überspringt und den Raum mit in die Installation einbezieht.
Einzelne Bestandteile bewahren ihren fragmentarischen Eigencharakter, das Starre, Sprunghafte und Offene ihrer Herkunft und Verarbeitung, und ihre Oberfläche schließt sich nicht als Haut vom Raum ab, sondern sie wirkt als rostige, geschmiedete, geschweißte, gehobelte, geschliffene oder übermalte Materie wie eine Kontaktfläche zum sie umgebenden, offenen und in sie einbezogenen Raum.
Die Lücken in und mit den Teilelementen deuten auf die Zwiespältigkeit der Wahrnehmung, die in einer dauerhaften Behauptung eingeklemmt bleibt. Da ist etwas, da ist nichts. Diese „Bilder“ schweben zwischen Anwesenheit und Abwesenheit von Materie und kennzeichnen die Ästhetik der Neugierde. Der durch die Neugier gepackte Partizipient bewegt sich durch die Installation und erfasst augenblicklich die Wesensart des Werkes und Künstlers. Er kommt in Versuchung des umstandslosen Ergriffenwerdens durch die Installation, bei gleichzeitiger Sträubung, die durch die vielen elektrischen Leitungen und integrierten Stromkreisen hervorgerufen wird. Die Ästhetik der Neugierde misstraut dem vollendeten Werk. Unter dem Kunstvollen und Makellosen kann er nach dem zur Grunde liegenden Sinn nicht forschen. Den flanierenden Neugierigen lässt das Durchdachte und bis zum letzten Punkt genau Vorgeplante kalt, während das Rohe, Unfertige, Schäbige und Ungestaltete ihn sensuell ergreift. Die Kunst, die auf dem Ideal der Schönheit aufbaut, interessiert nur Schöngeister. Die Kunst ist zum Leben verurteilt, und Leben ist Realität. Wenn die Kunst die Realität poetisch verklärt und die Schattenseiten des Seins negiert, dann verkommt sie zum bloßen Ornament. Pseudo-Schönheit hat mit Leben nichts gemein. Die Lichtrauminstallationen, die an realen Orten irreale Architekturen auf Glasplatten suggerieren, werden in surreale Welten transponiert und mit Dingsymbolik aufgeladen.
Diese Werkreihe beschäftigt sich inhaltlich mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere in Europa und speziell in Deutschland, sowie die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spaltungen, welche sicherlich auf mannigfaltige Gründe zurückzuführen sind. Nebst etlichen empirischen Studien versucht der englische Publizist David Goodhart eine Ursache für den bösartigen Populismus unserer Tage zu liefern, die in der globalen Welt zur Bildung zweier neuer „Meta-Klassen“ führte, welche ambivalenter hätten nicht sein können. Die Rede ist hier von den sogenannten Separat-Kulturen der Anywheres und Somewheres, die sich bereits in einem gegenseitigen Kulturkrieg befinden. Die wesentlichen Merkmale der Anywheres (im Sinne von „Nirgendwos“ oder Typen, die überall zuhause sein können) sind gekennzeichnet durch ihre intellektuelle Provinzialität und einer Ortsgebundenheit, die jederzeit die Möglichkeit eines Umzugs offen hält, was häufig auch unkompliziert umgesetzt wird. Zu ihnen gehören etwa die gut bezahlten mobilen Angestellten, Freelancer, die Kosmopoliten, Weltenbummler, Künstler, Intellektuelle und Kreative, die Gebildeten und Bildende als auch Moralisten und Weltbürger also allesamt Konstrukteure ihres eigenen Lebens auf der sinnstiftenden Suche nach neuen geistigen, physischen und spirituellen sowie horizonterweiternden Herausforderungen. Man bezeichnet sie als die Gewinner der Golbalisierung und der globalen Urbanisierung, womit nicht immer eine lokale Urbanität gleichzusetzen ist. Die Anywheres vereinen in sich, unabhängig ihrer Herkunft und Mentalität, die universalistischen Werte und repräsentieren die kulturelle Hegemonie der multimobilen Großstädter.
Die Somewheres (die Dagebliebenen, Daheimgebliebenen oder auch die Abgehängten) sind hingegen diejenigen, die aus diversen und nicht immer durch äußere Umstände verursachten Gründen eine lokale Gebundenheit eingegangen sind, weil sich allem Anschein nach nichts anderes ergeben hätte. Das heimische Gefühl lässt sich aber teilweise gänzlich vermissen, während man die vom Zerfall bedrohten Hochhaus-Ghettos bewohnt, oder in Provinzen, wo das LTE-Netz als die schnellste Verbindung empfunden wird und die Schwimmbäder längst geschlossen haben oder in Dörfern, in denen der letzte Penny-Markt und die berühmte Dorfkneipe bereits geschlossen, der nächste Supermarkt eine Viertelstunde Autofahrt in Anspruch nimmt oder der Linienbus dreimal am Tag abfährt. Ebenfalls aufzuzählen sind großstädtische Vororte mit prekären sozialen Verhältnissen. Hierbei ist die Stadt-Land-Frage keine immanent ausschlaggebende. Die Immanenz liegt bei der Frage des Lebensgefühls, der multiplen Optionalität und situativen Selbst- Definitionen. Die Zurückgebliebenen ringen um Deutungshoheit unter Rückbesinnung auf einen neuaufkommenden und bisdato weniger bekannten nationalen Stolz. Alles in allem geht es hier um die klärende sowie identitätsstiftende Sinnfrage nach dem Wohin.
Wie heißt die Farbe, die nachts das Meer hat und der Himmel?
Es ist kein Blau, kein Schwarz und der Mond auf den Wellen ist nicht weiß noch grau; die Sichel ist sich selbst treu auf halbem Durchschnitt.
Die Wellen, die wie Bruchkanten eines Gesteins um den Schiffsrumpf treiben, glänzen in gerade dieser unbekannten Farbe, wie eben auch der Charoun.
Das Träumen ist ein höherer Zustand als das Wachen.
Der Traum entspricht dem Aspekt des Seins und beinhaltet alle Möglichkeiten desselbigen.
Für den Menschen gibt es zwei Zustände des Seins, den einen im Diesseits, den anderen im Jenseits.
Es gibt aber auch einen dritten mittleren Seinszustand, den des Schlafs.
Im mittleren Zustand erlebt der Mensch alle Zustände zugleich, teils bewusst und teils unbewusst.
Dem mythologischen Ursprung unserer Träume nach ruft hier die Tiefenschicht unserer Psyche das archetypische reich der Unterwelt wach. Träume aus dem unbewussten Sein sind Reflexionen von Hades, Pluto, Charoun und Acheroun. Alles entwickelt sich in die Helix der Tiefen. So wie das Ende der Hades ist, ist auch das Ziel der Hades - für's Erste zumindest - bevor die Wanderschaft des ewigen Vagabunden auf einer abgewandelten Daseinsebene wieder aufgenommen werden kann. Der Mensch ist ein ewiger Wanderer - ganz im Sinne der Hidschra.
Die bei dieser Installation verwendeten Materialien handelt sich ausschließlich um Findlinge aus Frankfurter Sperrmüllhaufen.
Materialien:
Organza, Dachlatte, Dreikanthölzer, Garn, Stromkabel, Leuchtstoffröhren, Ventilatoren, Baumwollkugeln, vergoldete Röhrchen, Glasplatten
Maßen: 500cm x 600 cm x 400 cm
Dieses Materialarrangement zählt zur Guerilla-Art-Reihe und entstand zufällig bei einem Familienspaziergang und nach einem Abendessen in dem kleinen Fischerdorf Los Abrigos auf Teneriffa.
Thematisiert wird die Kolonialisierung und damit einhergehende Plünderung natürlicher Ressourcen sowie kultureller Güter, Zerstörung bestehender gesellschaftlicher Strukturen, Versklavung der Einheimischen zugunsten konsumorientierten Lebensstils der Kolonialmächte und die massive Bekämpfung spiritueller Riten als auch die daraus resultierende Identitätskrise der betroffenen Nationen.
Die schwerfälligen Folgen dieser Verbrechen sind in den Ländern immer noch allseits präsent. All das unter dem Deckmantel der Demokratie und im Auftrag Christi. Wohl eher im Auftrag des Antichristen.
Am Anfang stand die Ortlosigkeit.
Eine Ortlosigkeit, welche nicht aus Mangel an entsprechenden Orten herauswächst, viel eher aus Mangel an entsprechendem Konzept, da es immer viele geben wird, die meine Arbeiten nie als das ansehen werden - eine Reflexion- meiner Geistesblitze, sondern eher als das, was es niemals sein will- die Vollendung einer Konzeption. Ein Konzept als Ursprung und Manifest für jede weitere Herangehensweise und Überlegung.
Der Ursprung meiner Arbeitsweise ist diejenige Kunst, welche sich selbst den Raum gesucht, erobert und geschaffen hat. Dieser Raum, ein öffentlicher Raum, für jedermann zugänglich und ohne jeglichen Anspruch auf intellektuelle Auseinandersetzung.
Frei für den Geist und Körper.
Als Künstler wird man immer wieder nach den Kriterien, Konzepten, Techniken und Maßstäben, schlechtem oder gutem Geschmack, Kunst oder keine Kunst gefragt.
Dabei ist Kunst keine Sache des Geschmacks, eher der Auswahl. Eine Auswahl von differenten Alltagsobjekten, welche eisernen Willen, pure Entschlossenheit und situationsbedingte Entscheidungsfreiheit voraussetzt.
Während Geschmack unbestimmt, ungeklärt, stimmungsabhängig gar unbegründet bleibt.
Material:
Treibholz 240 cm, Sand
Krieg, Austreibung und Flucht bilden die thematische Grundlage dieser Licht-Raum-Installation sowie das damit einhergehende und simultan statt findende Ereignis der Entwurzelung und des Wurzelschlagens, entstanden aus der Wirkung ambivalenter Vorgänge, die die Gestaltung des Alltags in längst Unfremdem und womöglich niemals Eigenem eintrüben. Metaphorisch gesprochen ist dieser Sachverhalt mit einer entwurzelten Pflanze zu vergleichen, welche ohne eine erneute Möglichkeit des Wurzelschlagens dem Tode geweiht ist.
Diese Installation ist Menschen gewidmet, die gestrandet aber unlängst daheim angekommen sind. "Somewhere we belong" 2015
Konzept:
Die in dieser Installation verwendeten Materialien wurden hauptsächlich an verschiedensten Orten (Deutschland, Niederlande,Frankreich, Spanien, Portugal und Belgien) gefunden und gesammelt. Beim Einsatz einzelner Findlinge bleibt zwar deren Grundstruktur erhalten, die kontextuelle Zusammensetzung wird jedoch stets an das räumliche Umfeld sowie in Kohärenz mit weiteren verwendeten Findlingen jeweils neu ausgelotet.
Materialien:
diverse Holzplatten,Treibholz, Pflanzenstiele, Gardinenstangen, Ofenluke, Fensterrahmen,Flummis, Apothekerglasflasche, Rehschädelknochen, Kabel, Glühbirnen und Fassungen,Aufstiegbügel, Puppe, Draht, Motoren, diverse elektrisch betriebene Teile, Spiegel, Dosen,Garn, Draht, Haken, Metallschienen, Ölkanister, Leuchtstoffmittel
Gegenständlichkeit, Abstraktion und Konzeptkunst verbinden sich in den Einzelobjekten und Rauminstallationen zu ganz eigenständigen und individuellen Werken mit hohem Maß an Unfertigkeit.
Unfertig sind sie nicht in dem Sinne, dass ihnen oder in ihnen etwas fehlt, unfertig ist der permanente geistige Prozess, unfertig ist alles was lebt, also was in Bewegung ist, Richtung nimmt, Entscheidungen trifft, empfindet, wahrnimmt, kommuniziert, erkennt, findet, Konstruiertes auseinandernimmt und neu strukturiert. Insofern gibt es keine wirklich abgeschlossene Installation. Jede ausgestellte Installation oder jedes Exponat ist nur für den begrenzten Zeitraum einer Ausstellung abgeschlossen.
Diese Abgeschlossenheit geht nach Ende einer Ausstellung in die Unfertigkeit über, d.h. das Exponat ist sofort für die Weiterentwicklung bereit. So lassen sich die Licht-Rauminstallationen auch nicht auf Formfragen reduzieren, sondern zielen stets auf einen komplexen Inhalt. Kunst ist nicht primär Form sowie ein Produkt der Wahrnehmung. Kunst ist materialisierter Gedanke, gestaltete Materie und Konzept. Kunst ist Sein, Sein des Künstlers, Sein des Betrachters. Die menschliche Existenz und ihre Problemstellungen verdichten sich im konkreten Kunstwerk.
Licht ist ein Raumbildner, der Raumbildner schlechthin. Licht ist ferner ein immaterielles Medium, welches dennoch materiell erscheint, ein Medium der Wahrnehmung, und zwar noch bevor es zum Medium der Darstellung wird. Darum wird zu Recht der Ausdruck Licht- Raum-Installation verwendet, weil erst im Licht der Raum zu tagen beginnt. Das Tagen des Raumes ist dabei ein Tagen, das im Partizipienten selbst stattfindet. Die Lichtung ist ein Vorgang der sinnlichen Wahrnehmung, als erste Stufe der Erkenntnis, worin man, wie es Goethe sagt, die Taten des Lichtes bemerken, beobachten, begreifen, spüren lernen kann. Insofern sind alle Lichtkünstler Lehrer und ihre Werke Übungen der Wahrnehmung.
Die Gestaltung jeder Raumzeichnung folgt denselben Grundlagen, die bei jedem einzelnen Werk jedoch zu einer individuellen sowie unverwechselbaren Erscheinung führen. Offene und meist körperlose Objekte bilden das Grundgerüst einzelner Elemente der Raumzeichnungen, welche die Grenzen zwischen Zeichnung und in Sequenzen existierende Skulptur stets neu ausloten. Die einzelnen Bestandteile sind so collagenartig zusammengesetzt, dass deren skulpturale Bedeutung von Teil zu Teil überspringt und den Raum mit in das Werk einbezieht. Einzelne Bestandteile bewahren ihren fragmentarischen Eigencharakter, das Starre, Sprunghafte und Offene ihrer Herkunft und Verarbeitung, und ihre Oberfläche schließt sich nicht als Haut vom Raum ab, sondern wirkt als rostige, geschmiedete, geschweißte, gehobelte, geschliffene oder übermalte Materie wie eine Kontaktfläche zum sie umgebenden, offenen und in sie einbezogenen Raum.
Die Lücken in und mit den Teilelementen deuten auf die Zwiespältigkeit der Wahrnehmung, die in einer dauerhaften Behauptung eingeklemmt bleibt. Da ist etwas, da ist nichts. Diese „Bilder“ schweben zwischen Anwesenheit und Abwesenheit von Materie und kennzeichnen die Ästhetik der Neugierde. Der durch die Neugier gepackte Partizipient bewegt sich durch den Raum und erfasst augenblicklich die Wesensart des Werkes und Künstlers. Er kommt in Versuchung des umstandslosen Ergriffenwerdens durch das Werk, bei gleichzeitiger Sträubung, die durch die vielen elektrischen Leitungen und integrierten Stromkreisen hervorgerufen wird. Die Ästhetik der Neugierde misstraut dem vollendeten Werk. Unter dem Kunstvollen und Makellosen kann er nach dem zur Grunde liegenden Sinn nicht forschen. Den flanierenden Neugierigen lässt das Durchdachte und bis zum letzten Punkt genau Vorgeplante kalt, während das Rohe, Unfertige, Schäbige und Ungestaltete ihn sensuell ergreift. Die Kunst, die auf dem Ideal der Schönheit aufbaut, interessiert nur Schöngeister. Die Kunst ist zum Leben verurteilt, und Leben ist Realität. Wenn die Kunst die Realität poetisch verklärt und die Schattenseiten des Seins negiert, dann verkommt sie zum bloßen Ornament. Pseudo-Schönheit hat mit Leben nichts gemein. Die Licht-Raum-Zeichnungen, die an realen Orten irreale Architekturen suggerieren, werden in surreale Welten transponiert und mit Dingsymbolik aufgeladen.
((Materialassemblage)
Kunst kann keine sozialen und schon gar keine politischen Fragen beantworten, geschweige denn lösen, doch sie kann diese zumindest erfahrbar und somit sichtbar machen. Die Aufklärung über gesellschaftliche und politische Umstände ist seit jeher ein ehrgeiziges Anliegen der Kunstschaffenden und wird sicherlich auch weiterhin bleiben.
Die Fotografie "Sinn-Fonie der Tauben" verfolgt eine genau solche Intention, die weit über die kollektive Erfahrbarkeit hinaus geht, weil es hier um viel mehr geht, nämlich um die einst in jahrelangem Widerstand gewonnene und längst wieder verlorengegangene kollektive Identität, als Sinnbild der einstmals erkämpften Freiheit.
Mir geht es hierbei um die Frage nach der Integrität der sogenannten Bundesbürger und ihr Bekenntnis zu den freiheitlich demokratischen Grundsätzen der Bundesrepublik Deutschland im Allgemeinen sowie der dazu aktuellen widersinnigen sozialen Entwicklung. Ebenfalls brisant in diesem Sinne ist die Fragestellung nach Vereinbarkeit offensichtlich rechtsextremer bis neofaschistischer Tendenzen und der gegenwärtig offenkundig und einbahnig geführten Debatte um die sogenannte "Deutsche Leitkultur". Eine Leitkultur, welche sich Meinungsfreiheit sowie Religionsfreiheit u.a. auf die Fahnen schreibt, jedoch in der gängigen Praxis im Gegenpol verharrt bleibt. Klar sind wir hier in Deutschland. Wo denn sonst wenn nicht hier?
Raxs ist der Hengst des Protagonisten Rostam aus dem Shahname, dem Nationalepos persisch- bzw. darisprachiger Welt, des Abu L-Qasim Firdousi (*940 n. Chr. in Báz), persischer Epiker und einer der Gründer des Dari.
Raxs ist schneeweiß und besitzt eine rote Mähne. Seine überdurchschnittliche Intelligenz wird höchstens von seiner unermeßlichen Loyalität gegenüber Rostam, dem Prinzen aus Zabulistan, übertroffen. Dem Epos zufolge wählt Rostam aus den zahlreichen Pferdherden seines Vaters Zál in Zabulistan und Kabulistan ein Fohlen, ohne jegliche Brandzeichnung, was als Zeichen der Bestimmung gedeutet wurde, nach dem Rostam Raxs Mutter, eine graue Stute, besiegt hatte.
In Anlehnung an den Shahnameh von Abu L-Qasim Firdousi
übersetzt ins Deutsche von
Friedrich Rückert (deutscher Orientalist).
Materialien: Äste, Steine und weißes Garn
In einer kleinen winderzerzausten Hütte, irgendwo hinter den letzten Dünen der Nordseeküste, lebte Schäpsky. Niemand wusste, ob das sein Vor- oder Nachname war, ob er wirklich dort wohnte oder nur gerade rastete. Denn Schäpsky war ein Flaneur im eigentlichen Sinne - einer, der nicht ging, um anzukommen, sondern um zu staunen.
Man nannte ihn in den Fischerkneipen von Husum de Klüterbaas, ein Wort, das nur er benutzte und das niemand wirklich verstand. Vielleicht war es plattdüütsch, vielleicht war es einfach der Inbegriff seines Wesens: Schöpfer, Sammler, Sucher, Träumer, Spinner - alles in einem.
Er schnitzte Holzfiguren und baute verrückte Objekte mit eingebauten Elektromotoren, komponierte Musikstücke aus Windpfeiffen, mischte Töne und Klänge zusammen, die selbst Sirenen tränen aus den Augen hinausquetschten und malte intuitiv und grob, baute Objekte aus Treibholz und besaß ein gewisses handwerkliches Geschick, was er sich selbst seit Kindesalter Tag für Tag aneignete.
Wenn er sprach, klang es wie ein Gedicht aus einem fernen Land, auch wenn es um Möwengeschmeiss oder die richtige Technik beim Lagefeuerholzspalten ging.
Schäpsky war neurodivergent - das sagte er selbst, meist augenzwinkernd, wenn jemand seine scheinbare Zerstreutheit kommentierte. Doch wer genau hinsah, merkte schnell: In seinem chaotisch anmutenden Denken lag eine Ordnung, so tief und vielschichtig wie das Wattenmeer bei Tiede.
Sein Herz gehörte der Natur und den Naturkräften.
Der raue Wind der Nordsee war für ihn wie ein Bruder, den er einst für immer verlor.
Stundenlang saß er zusammen mit seinem treuen Vierbeiner, Raqschy, am Strand, barfuß, das Gesicht in den Wind gestemmt, als könne er mit der Luft selbst Zwiesprache halten.
Und wer einmal mit ihm zelten war, wusste: Schäpsky brauchte keinen Kompass, keine Landkarte, keine App.
Dank seiner Zerstreutheit verlief er sich an Orten, wo er bereits mehrmals gewesen ist. Also lief er solange, bis er dort angekommen, wo einst losgelaufen war.
Wenn Kinder ihn baten, ihnen etwas beizubringen, sagte er nur: "Kommt mit." Und dann lernten sie, wie man Wolken liest, Strandhafer zu kleinen Segelbooten flechtet und eine Geschichte aus Sand schreibt, die nur die Flut versteht.
Er war ein Tausendsassa, ja. Aber keiner, der alles konnte. Sondern einer, der einfach alles tat.
Weil es ging.
Weil es schön war.
Weil es sein musste.
Und wenn du einmal die Gelegenheit hast, Schäpsky zu treffen - irgendwo zwischen Düne und Horizont - frag ihn nicht, woher er kommt oder wohin er geht.
Frag ihn lieber: "Was heute schön ist?"
Und dann wirst du etwas lernen, das du nie wieder vergisst.
Bevor Schäpsky de Klüterbaas wurde, bevor der Wind der Nordsee seine Haare zerzauste und Salz in seinen Bart trug, war er ein Junge in Zabulstan - einem kleinen, staubfarbenen Dorf irgendwo im heutigen Persien. Dort, wo die Hügel rochen wie gebrannter Lehm und die Luft nach Feigen und Rauch schmeckte.
Sein Vater, ein stiller Mann mit rauen Händen, war Händler. Seine Mutter sang, beim Bolanibacken, eine Art türkische Gözleme, alte Lieder, die selbst der Wind zu kennen schien.
Schäpsky war das mittlere Kind- zwischen drei Schwestern, die fleißiger, stiller und geschickter schienen als er.
Schon damals konnte er nicht stillsitzen. Er lief, kletterte, träumte.
Er wollte alles sehen und selbst auch können.
Doch das Dorf blieb nicht friedlich. Eines Nachts kamen Tumulte auf- Rebellengruppen, die durch die Straßen zogen, Fackeln in den Händen, Angst in den Augen der Menschen.
Schäpskys Vater blieb zurück, um das Wenige zu verkaufen, was ihnen geblieben war.
Die Mutter nahm die Kinder und floh, unter einem Tuch, im Dunkel, über die Felder hinweg. Schäpsky erinnerte sich später kaum an den Weg, nur das Geräusch der Zikaden, das sich mit dem Weinen seiner Schwestern mischte.
Sie zogen von Ort zu Ort. Erst in den Süden, dann eine Stadt am Fluss, dann weiter in den Westen. 7 Umzüge in 9 Jahren. Immer wenn Schäpsky einen Freund fand- einen Jungen, mit dem er heimlich Drachen steigen ließ oder mit dem er über verbotene Mauern kletterte- mussten sie weiter.
Vielleicht war es da, irgendwo zwischen zwei Aufbrüchen, dass Schäpsky begann, sich selbst eine Welt zu bauen.
Eines Tages fand er auf einem Markt eine alte Laubsäge, verrostet, fast vergessen. Er nahm sie heimlich mit.
Während seine Mutter Wäsche wusch und die Schwestern schliefen, saß Schäpsky in der Dämmerung und sägte kleine Figuren aus Pappelholz: Tiere, Boote, winzige Häuser. Jede Figur war ein Stück seines verlorenen Zuhauses.
Er versteckte sie unter seiner Matratze. Es war sein Geheimnis, sein stilles Universum.
Doch eines Tages fand seine Mutter die kleinen Holzwerke, als sie die Betten aufschüttelte. Sie lächelte nicht. Sie sah nur das Sägemehl, das auf dem Boden gerieselt war und sagte streng: " Das ist kein Spielzeug, Schäpsky. Du musst lernen still zu sein. Richtig zu lernen, damit du später einen vernünftigen Beruf erlernst."
Er nickte, schwieg- und wusste, dass sie ihn nie verstehen würde.
Aber in dieser Nacht, als alle anderen schliefen, nahm er wieder die verrostete Laubsäge in die Hand.
Der Mond schimmerte auf dem Pappelholz, wie etwa auf der Nordsee und Schäpsky schwor sich leise:
"Wenn ich groß bin, werde ich alles schaffen, was ich will. Mit meinen Händen."
Und vielleicht war es genau in diesem Moment, dass der kleine Junge aus Zabulistan begann, der Tausendsasser zu werden, den man später an der Nordseeküste, "de Klüterbaas" nennen sollte.
Jahre waren vergangen, seit Schäpsky Zabulistan verlassen hatte.
Die Erinnerung an den Vater war längst zu einem Schleier verblasst, an den Rändern zerrissen vom Staub der Straßen, die er und seine Familie hinter sich gelassen hatten.
Sie lebten inzwischen in einem fremden Land, wo das Meer in der Ferne glitzerte und die Menschen Worte sprachen, die wie Kieselsteine über die Zunge rollten.
Schäpsky war nun ein junger Mann - wach, rastlos, immer in Bewegung.
Sein Körper wuchs schneller als seine Gedanken, seine Gedanken schneller als die Welt um ihn herum.
Die Lehrer nannten ihn "unaufmerksam", "verträumt", "schwierig".
Doch wenn er allein war, war er ganz still.
Dann hörte er den Wind.
Eines Morgens, auf dem Weg zur Schule, fand er ihn:
einen abgemagerten, zotteligen Hund, der zwischen Mülltonnen nach Essbarem suchte. Der Hund hob den Kopf, und in seinem bernsteinfarbenen Augen lag etwas, das Schäpsky sofort verstand - das Wissen um das Alleinsein.
"Na, du?" sagte er leise.
Der Hund wedelte nicht. Er stand einfach da, schaute Schäpsky an, und in diesem Blick lag eine seltsame, stille Verabredung.
Von diesem Tag an war der Hund da.
Wenn Schäpsky nach der Schule am Fluß saß, wenn er in der Werkstatt heimlich mit Pappelholz arbeitete, wenn er nachts die Sterne zählte - der Hund war neben ihm.
Er nannte ihn Baran, "Regen". Denn immer, wenn er auftauchte, schien kurz darauf der Himmel zu weinen.
Gemeinsam streiften sie durch die Felder, über Hügeln durch Wälder, Baran lief voraus, und Schäpsky folgte. Manchmal hatte er das Gefühl, der Hund wüsche schon wohin der Weg führte, bevor er selbst es ahnte.
ALs seine Familie eines Tages wieder umzog - zum siebten Mal in neun Jahren - nahm Schäpsky den Hund heimlich mit. Die Mutter schimpfte, doch als Baran die jüngste Schwester zärtlich an die der Hand leckte, sagte sie nichts mehr.
In der neuen Stadt fand Schäpsky keinen Freund.
Nur Baran.
Aber vielleicht war das genug. Denn Baran war mehr als nur ein Hund.
Er war ein Zuhörer. Ein Spiegel. Ein Stück Zuhause.
Und manchmal, wenn der Wind durch die engen Gassen fegte, hob Schäpsky den Kopf und lächelte.
Dann sprach er leise zu Baran:
"Eines Tages, mein Freund, werden wir dorthin gehen, wo der Wind frei ist. Wo wir bauen, was wir wollen, Mit unseren Händen."
Baran bellte leise, als hätte er verstanden.
Und so begann die Reise des Jungen, der nie stillstehen konnte - und seines Hundes, der ihm beibrachte, im Augenblick zu verweilen.
Die Jahre zogen vorüber wie Zugvögel am Wattenmeer, Ringelgänse, Knutts, Alpenstrandläufer, Sanderlinge, Löffler, Kiebitze..., die sich als Nachtzügler sonst nur in der Morgendämmerung blicken lassen.
Schäpsky war nun kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann. Zwischen Watti, eine Art Tüftlerwerkstatt, und Büchern, zwischen Hoffnung und Heimweh, wurde er zu dem, was er schon immer war: ein Suchender
Baran, sein Hund, war älter geworden. Das Fell um die Schnauze graute, doch in seinen Augen glomm noch immer dasselbe stille Feuer. Gemeinsam zogen sie von Dorf zu Dorf, von Gelegenheitsarbeit zu Gelegenheitsarbeit.
Schäpsky verdiente sein Geld mit dem, was er konnte: Holz, Metall, Zweige, Visionen von obskuren Formen.
Er baute Dinge, die andere nutzlos nannten - kleine Windräder aus Dosenblach, massive kleine Boote, die ungeeignet zum schwimmen waren, Vogelhäuser, die aussahen, wie Miniaturen verlorener Städte, Zäune, mit wechselndem Hintergrund, Geflochtenes aus Weidenzweigen.
Doch für Schäpsky waren sie alle Erinnerungen und Bilder aus dem Inneren, geformt aus allem, was ihn je bewegt hatte, direkt und Vorort als Skizze mit Material umgesetzt.
Schäpsky schaffte phasenweise mehrere Stunden am Tag an unterschiedlichen Werken gleichzeitig. Rastlos nannte er diese 10-14 Stunden-Phasen: Hypermähn-Gang
Doch nur er selbst wusste, wie er die nächsten Tage die Krämpfe der Muskel, bis an die Fingerkuppen, spüren würde.
Eines Tages, an einem Hafenort im Norden, hörte er zum ersten Mal das Rufen der Möwen. Sie schlenderten durch die Gassen der Hafenstadt und entdecken weitere Möwen: Lachmöwen, Sturmmöwen, Silbermöwen, Heringsmöwen und Mantelmöwen.
Ein raues, durchdringendes, klagendes Rufen- und etwas in ihm antwortete.
Er stand auf, am Kai, das Gesicht im Wind, und er sagte zu Baran:
"Hier. Hier bleibt der Wind nicht stehen. Hier fängt alles neu an."
Sie zogen weiter gen Westen, über Fennen, vorbei an Windrädern, über Gräben, durch Regen, durch Stürme, bis sie endlich die Nordsee sahen. Grau, rau, wild und endlos. Das Meer war kein Anblick, es war eine Begegnung.
Schäpsky lachte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren lachte er aus vollem Herzen. Der Wind riss ihm die Worte aus dem Mund, aber Baran verstand. Der Hund rannte los, bellte die Möwen an, sprang durch Wasserpfützen und Wellen, als wolle er das Meer begrüßen.
Schäpsky baute sich dort eine kleine Hütte, aus Treibholz und alten Planken, kein Besitz, kein Lärm, keine Pflichten. Nur Wind, Salz und das stetige Atmen des Meeres.
Er arbeitete mit seinen Händen.Tagsüber schnitzte er, abends schrieb er Gedanken auf alte Segelstücke, nachts hörte er das Rauschen des Wassers, das Geschichten erzählte.
Die Menschen aus dem nächstgelegenen Dorf lernten ihn kennen- erst mißtrauisch, dann ehrfürchtig.
"Der vör buten", ! Sagten sie, "der kan all", der ist echter Dusendsassa." was soviel heißt: der da draussen, er ist ein Alleskönner.
Andere wiederum nannten ihn einfach Schäpsky, de Klüterbaas - den Schöpfer, den Freigeist, den, der vom Wind selbst gelernt hatte, frei zu sein.
Baran lag meist neben ihm, ruhig, die Nase im Wind. Und manchmal, wenn die Sonne über dem Meer unterging und die Möwen langsam verstummten, legte Schäpsky die Hand auf sein altes, treues Tier und flüsterte:
"Wir sind angekommen, mein Guter. Endlich angekommen."
Die Jahre am Meer machten Schäpsky stiller, aber nicht müde. Er lebte mit dem Rhythmus der Gezeiten - sein Herz schlug wie das Meer: stetig, fließend, wild, schöpferisch rastlos.
Die Tage begannen früh, wenn der Himmel noch milchig war und das Wasser kaum atmete. Dann schnitze er. Formen, Figuren, Träume. Was seine Hände fanden, weil sie gefunden werden wollten, wurde zu Kunst, ohne dass er je das Wort dafür benutzt hätte. Seine Figuren waren nie geplant, ja noch nicht einmal von ihm beabsichtigt, betonte er immer wieder. In gewisser Weise waren sie aus dem Zufall entstanden und waren keineswegs fertige Objekte. Sie waren lediglich mit Material skizzierte Vorwürfe, mit der Absicht niemals verwirklicht zu werden.
Menschen kamen zu ihm.
Erst nur Neugierige, dann Suchende.
Ein Fischer, der ein Holzherz für seine verstorbene Frau wollte.
Eine Lehrerin, die ihn bat, für ihre Schüler ein Boot aus Treibholz zu bauen - ein Symbol für Unabhängigkeit und Aufbruch.
Und dann kamen sie immer öfter.
Schäpsky sprach wenig. Aber wenn er sprach, blieben seine Worte und Geschichten.
"Das Holz weiss mehr als du", sagte er zu einem Mädchen., das ihm beim Schnitzen half. "Du musst nur hören, was es nicht sagt."
Baran lag immer in seiner Nähe, die Schnauze auf den Pfoten oder bei seiner Lieblingsbeschäftigung: sein Kuscheltier zerfleddern. Schäpsky musste alles wieder später aufräumen. Den Spaß gönnte er Baran. Mit sehr viel Freude beobachtete er Baran beim zerreissen, zerbeißen und zerkauen des Kuscheltiere zu (Horny, Elfy, Hase, Schildy, Nasy, Doggy usw...)
der Hund war sein stiller Begleiter, sein Spiegel, sein Taktgeber. Doch das Fell wurde dünner, die Schritte schwerer.
Eines Morgens, nach einer Nacht mit Sturm, fand Schäpsky den Hund schlafend im Sand - der helle Lichtstrahl des Vollmonds schien auf Baran mit dem Meer im rücken. Baran Schritte waren schwerer als sonst. Der Wind trug Salz über sein Fell.
Schäpsky kniete daneben, legte seine Hand auf das Herz, das nicht mehr schlug, und schwieg. Lange.
Dann grub er ein Loch zwischen Strandhafer und Treibholz, setzte Baran hinein und legte ein Kleines geschnitztes Boot dazu.
"Für deine Reise", flüsterte er.
Nach diesem Tag veränderte sich etwas.
Das Meer war dasselbe, der Wind derselbe, aber in Schäpskys Brust entstand ein anderes Schweigen - tiefer, klarer.
Er begann, anders zu schaffen. Seine Kunst wurde größer, weiter. Er baute aus alten Balken ganze Gestalten, Menschen, Fabelwesen, Vögel - als wollte er die Seelen der Dinge neu zusammensetzen.
Leute kamen von weit her, um seine Arbeiten zu sehen. Manche nannten sie "Wunderwerke", andere "Spinnerei".
Schäpsky schmunzelte darüber nur.
Er wusste, dass er nicht für den Ruhm arbeitete.
Er schuf, weil er musste.
"Ich befreie die Seelen der Dinge aus dem Holz. Ich bringe ihnen ihre Seelen zurück."
Er tat das, weil das Leben, das ihn durch Flucht, Verlust, Enttäuschung und Stille getragen hatte, nur durch das Schöpfertum Sinn ergab.
Wenn der Abend kam, saß er oft am Feuer vor seiner Hütte. Das Meer rauschte. Über ihm zog der Wind. Und manchmal glaubte er, ein leises Bellen in der Ferne zu hören - als würde Baran immer noch durch die Dünen laufen, frei und ungebunden.
Dann sagte Schäpsky leise in die Nacht:
"Wir schaffen weiter, du und ich. Nur auf andere Weise."
Und der Wind pfeifte ihm mit einem langen, tiefen Seufzen.
Der Herbst kam früh in jenem Jahr. Das Licht über der Nordsee war weicher, der Wind roch nach Abschied. Schäpsky spürte, dass etwas in ihm sich vollenden wollte - nicht enden, aber sich schließen wie ein Kreis.
Seit Barans Tod war die Stille sein Teuerster Begleiter. Doch nun begann er sie neu zu hören. Nicht als Leere - sondern als Klang.
Die Insel, auf der erlebte, sprach zu ihm.
Nicht in Worten, sondern in Tönen.
Das Rauschen des Schilfs, das Knarren der alten Stege, das ferne Donnern der Brandung, das Rufen der Möwen, das Pfeifen des Windes durch die Dünen - all das spielte eine Musik, die nur einer wie er hören konnte.
Schäpsky nannte sie "Windgeflüster".
Er begann, sie einzufangen.
Er stellte Gläser in den Sand, um das Pfeifen des Windes darin zu speichern.
Er hängte Muscheln an Fäden, die im Sturm gegeneinander schlugen und leise klangen wie ferne Glocken.
Er sammelte Treibholz - bleich, gescheitert, von der See gezeichnet - und begann zu schnitzen.
Tag für Tag arbeitete er.
Die Stücke, jedes anders, formte er zu einem großen, schweren Werk zusammen.
Er nannte es " Das Lied der Insel".
Es bestand aus dutzenden hölzernen Formen und Geflochtenen Zweigen, miteinander verbunden durch Drähte, Seile und Muschelschalen. Wenn der Wind durch sie hindurchfuhr, begann es zu singen. Kein Lied, das man nachspielen konnte - sondern ein Atem, eine Stimme, die aus allem kam, was die Nordsee je berührt hatte.
Die Dorfbewohner kamen, um es zu sehen.
"Was ist das?", fragten sie.
Schäpsky schmunzelte.
"Es ist das, was ihr sonst überhört."
In den Nächten saß er darunter, lauschte, und manchmal schloss er die Augen. Dann hörte er Barans Pfoten im Sand tippelnd, das ferne Lachen seiner Schwestern, dass Summen der Märkte von Zabulistan - und darüber das unendliche Rauschen des Meeres.
Er wusste, dass dieses Werk sein Vermächtnis war.
Kein Denkmal, kein Kunstwerk im klassischen Sinne - sondern ein Gespräch zwischen ihm, der Welt, dem Wind und den Gezeiten.
Als der Winter kam, stand das "Lied der Insel" da wie ein Gerippe aus Träumen.
Der Wind fuhr hindurch, und das Werk pfiff.
Nicht laut, auch nicht aufdringlich - aber so, dass man stehen blieb, wenn man vorbeiging.
Und wer genau hinhörte, meinte, inmitten der rauschenden Klänge eine pfeifende Stimme zu hören.
Leise. Heiter. Frei.
Wie Schäpsky selbst.
"Alles, was du suchst", flüsterte der Wind " ist längst da. Du musst nur hinhören."
Und Schäpsky schmunzelte.
Denn er hatte gelernt, das das Laben selbst das schönste Kunstwerk war - geschnitzt aus Zeit, Salz und Liebe.
Es war ein klarer Sommertag, an dem das Meer nicht brüllte, es murmelte, als wollte es seine Geschichten nur flüsternd erzählen.
Schäpsky stand wie so oft am Strand, Barans Andenken im Herzen, "Das Lied der Insel" im Rücken. Das Werk sang leise im Wind.
Da sah er sie.
Da kam sie - barfuß über die Dünen -, das Haar hell wie getrocknetes Strandgras, die Arme voller Blumen, Strandflieder, Hagebuttenzweige, wilde Disteln mit blauen Köpfen.
Ihr Name war Florenia.
Sie stammte aus einem Land jenseits des Meeres, aus Osmania, einem Ort, der in Geschichten klang wie warmer Honig über kaltem Stein.
Sie lebte neu auf der Insel, sagte sie. Sie hatte eine kleine Werkstatt, in der sie Blumen band, aber keine gewöhnlichen Sträuße - sie machte daraus Geschichten.
Ihr Kater namens Miro: weißes Fell, blauer Blick wie tiefes Wasser. Ein stiller Begleiter, wie Baran einst gewesen war.
Als Florenia das erste Mal Schäpskys Werk sah, blieb sie stehen, ohne ein Wort zu sagen.
Sie hörte nur.
Und dann schmunzelte sie verkniffen.
"Es singt in derselben Tonart wie mein Herz."
Das war der Moment, in dem sich etwas in Schäpsky öffnete.
Nicht plötzlich, nicht laut.
Sondern leise, vorsichtig - wie das Meer bei Ebbe.
Sie trafen sich wieder.
Mal bei ihr, wo der Duft von Rosmarin und wildem Lavendel hing.
Mal bei ihm, wo Holz, Salz und Wind die Luft füllten.
Miro schlief meist auf einem warmen Treibholzstamm, während Florenia und Schäpsky in Gedanken sprachen, die keine Worte brauchten.
Florenia zeigte ihm Farben zwischen den Farben.
Er zeigte ihr Formen zwischen den Formen.
Ihre Welt wurde eine gemeinsame.
Eines Abends gingen sie am Strand entlang. Der Himmel glühte in Kupfer, Rosa und tiefem Blau.
Die Nordsee atmete schwer, wie ein großer alter Blauwal.
Florenia trat barfuß in den Sand - und plötzlich zog sie die Luft scharf ein.
Eine Schwertmuschel, scharf wie ein Schatten.
Sie blutete.
Schäpsky kniete sich hin, wortlos, ruhig.
Mit denselben Händen, mit denen er das Lied der Insel geschaffen hatte, entfernte er die feinen Splitter aus dem eiskalten Fuß, ohne Hast, ohne Schmerz zu verschärfen.
Er wusch die Wunde mit Meerwasser, dann legte er ein Stück Seetang darauf - altbewährtes Heilmittel der Küste.
Sie saßen im Sand, während die Sonne langsam hinabstieg und sich im Meer verlor.
Sie redeten.
Nicht über die Vergangenheit, nicht über Zukunft.
Nicht über das, was sie sahen.
Das Wasser.
Das Licht.
Den Atem der Welt.
Florenia sah hinaus aufs offene Meer.
Ihre Augen hatten die Farben von Übergängen.
"In Osmania", sagte sie leise, nennen wir diesen Moment Roujinne.
Es bedeutet..."
Sie hielt inne, suchte nicht nach Worten.
Sie war selbst der Ausdruck.
Schäpsky sah sie an.
Er verstand.
Nicht sprachlich.
Nicht gedanklich.
Sondern mit dem ganzen Körper.
Mit dem Atem des Windes, der sein Gesicht streifte.
Mit den Händen.
Mit dem Meer in seiner Brust.
Roujinne.
Der Moment, in dem die Welt still wird und sich gleichzeitig vollkommen entfaltet.
Der Moment, in dem Schmerz und Schönheit dasselbe Licht tragen.
Der Moment, in dem zwei Wege aufhören, Wege zu sein - und einfach gemeinsam weitergehen.
Der Wind strich über sie hinweg.
Das Lied der Insel klang leise hinter den Dünen.
Und so begann eine neues Kapitel - nicht laut und nicht endgültig.
Sondern, stillem, weichen Werden.
Der Dusendsassa, der Flaneur, de Klüterbaas - er war nicht mehr allein.
Und die Nordsee sang weiter.
In der Nacht hatte der Sturm über die Insel getobt.
Ein Sturm, wie die Alten nur noch aus Geschichten kannten.
Der Wind pfiff wie ein Messerschliff, das Meer warf sich gegen die Küste wie ein wildes Ungeheuer, das seine Grenzen vergessen hatte.
Als der Morgen kam, war die Welt still.
Nur das ferne Knacken von Tanghaufen und das tropfende, vom Regen schwere Reetgras zeugten davon, dass die Nacht ungestüm gewesen war.
Schäpsky stand früh auf.
Er fühlte Stürme immer nach - wie Nachbeben in der Brust.
Baran wäre an seiner Seite gewesen, dachte er, und nickte in den Wind, als grüße er ihn.
Er ging den Strand entlang flanierend.
In der Ferne hörte er das Pfeiffen der Kiebitze: "Kie-Witt"!
Der Himmel war noch stumpf, die See grau und gläsern.
Dann in der Ferne sah er es.
Ein Boot.
Nicht groß - vielleicht drei Mann Besatzung -, doch alt, verwittert, vom Meer gezeichnet.
Es lag halb im Sand, halb noch in den Wellen, wie ein Lebewesen, das gerade erst den Atem verloren hatte.
Der Mast stand noch und ragte hoch in den Himmel hinauf.
Auf ihm saßen zwei Lachmöwen, die sich um etwas stritten und dabei ein Lied kreischten, das klang wie Spott und Willkommen zugleich.
Schäpsky schmunzelte.
"Immer dieses Theater mit euch beiden ne, Max und Moritz", murmelte er.
Er stieg ins Boot.
Es knarrte, als erkenne es ihn.
Unter einer verwaschenen Plane fand er:
Er öffnete sie.
Darin lagen Zigarillos - sorgfältig verschicktet, alt, aber unversehrt.
Und ein winziger Zettel, fast weggeschabt vom Salz:
Für die, die weiterfahren. Für die, die das Meer lesen und den Wind hören können.
Schäpsky nickte.
Das Meer sprach zu ihm in Rätseln.
Man musste nicht alles verstehen, nur annehmen.
Er beschloss das Boot mitzunehmen.
Nicht weil er es brauchte - vielmehr weil es ihn brauchte.
Wie alles andere Treibende irgendwann bei ihm ankam.
Er holte Holzwalzen aus dem Watti, schwere Rundholzer, wie sie die Küstenbewohner seit Genrationen benutzten, um Schiffe an Land zu holen.
Florenia kam dazu, barfuß wie immer.
Miro sprang auf den Bootsrand, als wäre es ein Spielplatz der Geister.
Gemeinsam, singend und pfeifend, rollten sie das Boot über Walzen den Strand hinauf.
Es dauerte Stunden.
Die Möwen kreischten.
Die Brandung tobte.
Der Wind sang kein Lied - er arbeitet.
ALs sie endlich Schäpskys Hütte erreichten, setzte sich Schäpsky erschöpft ins Gras.
Florenia legte ihre Hand auf den warmen Rumpf des Bootes.
"Das Meer gibt niemals zufällig zurück", sagte sie.
Sie legte ihr Ohr auf den Rumpf des Bottes und sagte:
"Da, ich hör seinen Herzschlag. Yahya ist endlich heimgekehrt."
Schäpsky nickte. Er wusste es längst. "Willkommen zurück Yahya", murmelte er.
Florenia und Schäpsky schlossen sich fest in die Arme und blieben ein Weilchen.
Sie spielten Grashalme im Wind.
Schäpsky sah das Boot an - und darin sah er nicht Vergangenheit.
Nicht Sturm.
Nicht Verlust.
Er hatte wieder diese Vorstellung.
Und tief in seinen Fingern begann es zu kribbeln.
Dieses alte, vertraute Brennen.
Das Feuer des Schöpfers.
Er würde daraus etwas machen.
Etwas großes.
Etwas, das sang, wenn der Wind hindurch fuhr.
Und die Möwen auf dem Mast pfeifen weiter.
Nicht spöttisch.
Eher wie ein Neubeginn.
Seit dem Sturm, seit dem Fund des Bootsskeletts, das Yahya getauft wurde, seit dem Tag, an dem Florenia und Schäpsky es auf Walzen hinter die windschiefe Hütte gebracht hatten, war etwas verändert.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Wie ein Summen im Holz, wie ein Flüstern im Wind.
Schäpsky arbeitete täglich am Boot - oder besser: er rang mit ihm.
Das Holz war alt, salzverkrustet, teils morsch, teils erstaunlich lebendig.
Er strich darüber, hörte hinein, wartete auf Eingebungen.
Doch das Boot schwieg.
So wie alle alten Dinge schweigen, ehe sie ihre Geschichte preisgeben.
Florenia kümmerte sich währenddessen um das Innere.
Miro, ihr blauäugiger Kater, kroch neugierig zwischen Planken und Spanten, als folge er einer Spur, die nur Katzen sehen.
Eines Augenblicks hörte man ein leises, gedämpftes KLONG.
Dann erschien Miro mit gesträubtem Schweif und triumphierendem Blick aus einem Spalt im Boden.
"Da ist etwas", sagte, Florenia, beugte sich hinunter und löste vorsichtig eine eingelassene Holzdiele.
Ein Geheimversteck, kaum sichtbar, aber meisterhaft eingebaut.
Darin lagen:
- zusammengerollte alte Seekarten,
- ein Stoffbeutel mit Muschelamulett,
- und ein Stück Pergament, so dünn wie Zwiebelhaut.
Die Karten zeigten Routen, die längst aus der Zeit gefallen waren.
Nicht in Tinte - sondern Einweißschrift, kaum sichtbar.
Florenia hielt das Pergament behutsam über eine Kerzenflamme.
Langsam, wie aus Nebel geformt, zeigten sich linienhafte Wege, die über das Meer führten.
und eine Route stach hervor:
Potzenesische Grotteninseln - eine kleine unscheinbare Inselkette, die auf den meisten Karten nur ein Windhauch war. Die einzelnen Mikroinsel aneinander gereiht, wie eine Perlenkette .
Schäpsky sah die Linie, die durch schwarze See, Sandbänke und Untiefen führte.
Sein Herz schlug schneller. Das Boot sollte dorthin.
Er wusste es sofort.
Doch um Yahya seeklar zu machen, fehlten Materialien.
Teer, Tauwerk, Segeltuch, Metallnägel und vor allen Dingen Holzplanken.
Und er hatte keine Taler.
Nicht einen.
Da kam der Wind.
Er kitzelte ihn an seinem Ohrläppchen.
Eine Innere Stimmte sagte:
Hör zu. Geh. Jetzt.
Schäpsky legte seine Hand auf den Mastrest des Bootes.
"Verstanden," murmelte er und machte sich auf den Weg.
Der Hafen von Hüüsmy war am frühen Abend erfüllt vom Klang von Möwen und dem Klirren von Netzen.
Zwischen alten Schuppen und rostigen Kränen lag, "Op Olden Schippswrack", die einzige Kneipe weit und breit, in der die Zeit stehen geblieben war - und manchmal, so sagten die Alten, sogar rückwärts lief.
Schäpsky trat ein.
Der Geruch von Algen, Fischern, Feuerstellen und grobem und illegal gebranntem Schnaps hing in der Luft.
Hinter der Theke stand der Wirt Hultenknüppel, genannt Hülppy:
grauer Bart, tiefliegende Augen, linke Hüfte schief - seit dem Tag, an dem ihn ein Blauwal verschluckt und das Meer wieder ausgespuckt hatte.
"Schäpsky Klüterbaas! De Dusendsassa! ", rief Hülppy und schlug ein Glas auf die Theke. Tock
"Du brauchst heute etwas stärkeres als Rum. Etwas.....älteres."
Er holte aus einem abgeschlossenen Fach eine kleine goldene kleine Flasche mit bernsteinfarbener Flüssigkeit.
Darauf ein Etikett, handbemalt: ein Pflanzenwesen mit Drachenhaupt und Wurzelschweif.
Draggschya.
"Gewonnen aus den Wurzeln einer alten Pflanze,"
erklärte Hülppy stolz mit einem starren Blick.
"Von den Vorfahren der Sklaven aus Füerbarg."
Sie wirkt...nun ja...sagen wir: Sie rückt Dinge zurecht und bringt sie wieder ins Gleichgewicht."
Gerade als Schäpsky das Glas greifen wollte, öffnete sich die knarrende Kneipentür.
Wind schoss hinein.
Die Kerzen flackerten - gingen aus.
Alle, bis auf eine.
Die vor Schäpsky.
Eine winzige Gestalt betrat den Raum.
Eine Frau, nicht größer als ein Kind, mit wild aufstehenden Haaren wie Bernsteinfäden im Sturm.
Ihre Silhouette war schmal, doch um sie herum lag ein eigenartiges Leuchten, als hätte sie Staub aus anderen Welten mitgebracht.
Die Gäste verstummten.
Hülppy hielt inne.
Die kleine Dame glitt - nein, schwebte - durch die Kneipe, schnurgerade auf Schäpsky zu.
Ihre Schritte berührten kaum den Boden.
Hülppy humpelte hinter der Theke hervor.
"Aha", sagte er mit heiserem Lachen, " eine so luftige Person wie du braucht bestimmt einen Draggschya."
Der Wind machte wusch.
Und plötzlich brannten wieder alle Kerzen auf - als hätte sie eine unsichtbare Hand angezündet.
Das Lachen der Gäste kehrte zurück.
Die Zeit setzte wieder in Bewegung.
Ein Hauch von Zauber blieb.
Schweigend.
Wartend.
Schäpsky sah die kleine Frau an.
Sie nickte ihm zu, als kenne sie ihn.
Als kenne sie seine Wege.
Und seine Zukunft.
Dies war kein Zufall.
Dies war der Beginn von etwas, das größer war als Routen, Karten oder Wellen.
"Du wirst das Boot restaurieren, de Klüterbaas.
Und draußen, hinter der Kneipe, irgendwo zwischen Netzen und Holzstegen,
erhob sich die Stimme des Windes erneut.
Wie ein Lied.
Wie eine Warnung.
Wie ein Ruf.
Die winzige Frau mit dem Sturmhaar setzte sich auf den Barhocker neben Schäpsky, als wäre er eigens für sie gezimmert worden. Ihre Füße baumelten in der Luft, und doch wirkte sie, als thronte sie über dem gesamten Raum.
Alle Gespräche um sie herum wurden gedämpft, als lauschten selbst die Wände.
Hülppy stellte ihr das Glas Draggschya hin.
Sie hob es, schnupperte, nickte - und trank es in einem Zug.
Ein leichtes Schimmern ging durch ihre Pipillen. Dann blickte sie Schäpsky an, als würde sie seine Gedanken durchblättern wie die Seiten eines alten Logbuchs.
"Du willst das Boot Yahya wieder seetüchtig machen," sagte sie mit ihrer knautschigen Stimme, ohne Frage, nur Gewissheit.
Schäpsky nickte, überrascht, dass sie den Namen kannte.
"Du willst zur geheimen Insel, auf Punkätsch-Udhaas" fuhr sie fort, denn dort liegt etwas, das dich ruft. Etwas, was seit Generationen darauf wartet, weitergegeben zu werden."
Schäpsky spürte ein unerklärliches Ziehen in der Brust.
Als würfe etwas in ihm aufwachen, das lange geschlafen hatte.
Die kleine Dame legte den Kopf schief, betrachtete ihn durchgänglich.
"Ich bin Mae-Ly von den Luftpforten", sagte sie. "Ich gehöre zum alten Volk der Wanderfunken. Wir tauchen nur dort auf, wo die Zeit Risse hat und Menschen vor Entscheidungen stehen, die größer sind als sie selbst."
"Und warum......ich?", fragte Schäpsky verlegen.
Sie lächelte.
"Weil du einer von denen bist, die hören können, wenn der Wind spricht."
Ein kalter Schauer lief Schäpsky über den Rücken.
Mae-Ly sah sich im Raum um, beugte sich dann vor und senkte die Stimme.
"Die Seekarten, die du gefunden hast....sie sind kein Zufall. Der Schreiber benutzte Eiweiß nicht nur, um die Linien zu verstecken. Er tat es, damit nur jemand wie du sie sehen kann."
"Jemand, wie ich?"
"Ein Freigeist.
Ein Dusendsassa.
Ein Schöpfender, der in allem Leben sieht.
Und vor allem -"
Sie tippte ihm gegen die Brust.
"- jemand, der das Meer nicht nur sieht, sondern versteht."
Schäpsky fühlte, wie etwas Warmes in ihn anschwoll - Stolz, Angst, Neugier, alles zugleich.
Mae-Ly hob ihre Hand.
Ein kleiner Windwirbel entstand darin, zart wie ein Atemzug.
Aus dem Wirbel erschienen drei winzige Holzspäne - dunkles, fremdartiges Treibholz, das salzig roch nach Orten, die längst versunken waren.
"Das sind Fragmente der Alten Rute", erklärte sie.
"Sie stammen aus einem Boot, das einst ehrwürdiger war, als die Yahya. Bring sie in dein Werk ein, und sie wird sich erinnern."
"Erinnern?"
"Boote sind wie Menschen, Manche Dinge tragen sie tief in sich, auch wenn sie gebrochen sind."
Sie schloss Schäpskys Hand um die Späne.
"Mit diesen wirst du das Boot restaurieren können. Aber du benötigst da noch etwas anderes..."
Sie zeigte auf die Draggschya.
".... Mut."
Der Wind wehte durch die Tür wie eine Antwort.
Leicht, aber bestimmt.
Schäpsky trank seine Draggschya in einem Zug.
Der Geschmack scharf, fremd, leicht modrig und torfig, und doch vertraut wie ein uralter Traum.
Er fühlte ein Feuer in sich.
Kein brennendes - ein schöpferisches.
Als er das Glas absetzte, war Mae-Ly verschwunden.
Nur ein silbriger Funken Laga auf dem Barhocker.
Hülppy nickte wissend.
"Wanderfunken kommen immer zu denen, die was vor sich vorhaben", sagte er. "Was Großes, Klüterbaas."
Schäpsky stand auf.
Draggschya machte sein Herz weit.
Der Wind strich über sein Gesicht wie eine freundliche Hand.
Er wusste jetzt.
Die Yahya würde wieder aufs Meer.
Er würde sie wieder seetüchtig machen.
Er würde nach Punkätsch-Udhaas segeln.
Und er würde herausfinden, was ihn dort erwartete.
Florenia würde an seiner Seite sein.
Miro würde wachsam aufpassen.
Und der Wind... nun, der Wind war schon längst unterwegs mit ihm.
Die Geschichte nahm Fahrt auf.
Und Schäpsky tat es auch.
Der Morgen brach über Hüüsmy an wie ein sanftes Versprechen.
Der Wind trieb die letzten Nächtlichen Nebelfäden über die Dünen, und das Gras raschelte wie eine Versammlung alter Seefahrer, die miteinander flüsterten.
Schäpsky stand vor Yahya, die auf ihren Walzen neben der Hütte ruhte wie ein schlafendes Tier.
Die drei geheimnisvollen Holzspäne von Mae-Ly lagen in seiner Hand.
Dunkel, warm, fast vibrierend.
Florenia trat neben ihn.
Ihr Haar roch nach Salz und Kamille, ihr Blick war klar wie das Wasser zwischen zwei Gezeiten.
Miro sprang auf den Bug des Bootes, legte sich hin und beobachtete alles, was geschah - wie ein Wächter, der wusste, dass die kommenden Tage wichtig werden würden.
"Schäpsky," sagte Florenia, "du hast diese Nacht kaum geschlafen."
Er nickte.
"Die Draggschy..... sie wirkt nach. Aber auch Mae-Ly. Sie hat mich... gesehen. Anders als andere."
Florenia lachte leise, verschmitzt.
"Weil du eben anders bist. Und das ist dein größtes Geschenk."
Die drei Späne
Schäpsky setzte sich an den Bootsrumpf.
Die Stellen, die neu gefertigt werden mussten, waren zahlreich:
Planken verfault, Spanten gebrochen, die Kiellinie schief.
Doch als er die ersten beiden Holzspäne in den Rumpf einließ, geschah etwas Unerwartetes.
Ein sanftes Pulsieren ging durch das alte Holz, kaum sichtbar doch klar spürbar.
Wie ein Atemzug.
Wie das erwachen einer Erinnerung.
"Ich hab´s gesehen!" rief Florenia.
"Das Boot.... bewegt sich!"
Schäpsky lächelte.
"Nein, es fühlt sich selbst."
Er setzte den dritten Span an die marode Stelle nahe dem Mastansatz.
Als er ihn behutsam einließ, begann die Yahya tief zu knarren und knacken - unheimlich und vertraut zugleich.
Holz, das sich neu ordnete.
Holz, das sich erinnerte.
Die Möwen über ihnen kreischten, als hätten sie etwas zu verkünden.
Florenia legte eine Hand auf das Schiff.
"Es ist, als würde ein alter Geist erwachen."
Schäpsky nickte.
Diese Restaurierung war mehr als Arbeit.
Sie war ein Ritual.
Hilfe durch Inselbewohner
Noch war viel zu tun.
Er brauchte neue Planken.
Tauwerk.
Pecheimer.
Werkzeug aus der Hafenwerkstatt.
Doch Taler hatte er keine - nur den Mut, den Wind und Florenia.
Die Nachricht vom wundersamen Boot verbreitete sich schnell über Hüüsmy.
Alte Fischer kamen vorbei, schauten, kratzten sich am Bart, spuckten in den Sand.
Dann sagten sie:
"Sone Krams... dat Boot maakt wi gemeensaam weer heel."
Ein griesgrasiger Bootsbauer, Knut Milldeck, Spitzname: Boerty, brachte Bretter aus Eiche und Lerche.
Eine Seglerin namens Tarnt spendete ein altes, aber intaktes Großsegel.
Ein Junge aus dem Dorf brachte eine handgefertigte Harpune "für den Fall der schweren See".
Die Frauen der Insel schenkten ihm getrocknete Lebensmittel. Ihre Schürzen gefüllt mitleiden Gaben:
"Kischmesch (Rosinen aus langen Weintrauben, Husain Kelin Barmak), Nakhott, Dschallghoosa, Tutt, Koadschou...." alles Trockenfrüchte, in der Sonne schonen getrocknet oder in Lehmgefäßen monatelang frischgehalten. Diese legten sie ihm sorgfältig gebündelt in den Rucksack, als wollten sie ihm ein Stück Heimat mitgeben. Ihre Hände rochen nach Staub, Rauch und Süße, nach Geduld und Abschied.
Als Schäpsky die Früchte betrachtete, überkam ihn eine Erinnerung: Zabulistan, seine Kindheit. Vor seinem inneren Auge erhoben sich die aufgetürmten Haufen des wuseligen Bazars. Runde Kegel aus Nüssen, Trockenfrüchten, Datteln, Rosinen, Aprikosen, Mehlbeeren, Maulbeeren.......und Gewürzen, kunstvoll geschichtet wie stille Versprechen.
Damals hatte er zwischen den Ständen gestanden, barfuß auf warmen Steinen, und gestaunt.
Der Bazar lebte, atmete, rauschte. Zwischen den schmalen Gassen wogte das wuselige Treiben wie ein warmes buntes Meer aus Stimmen und prächtigen Farben.
Händler standen vor ihren Ständen, die Arme ausgebreitet, und priesen ihre Waren an, als wären es. Schätze aus einer anderen Welt.
"Die süßesten Datteln!", rief einer, während ein anderer seine Gewürze in die Luft streute, damit ihr Duft die Vorbeigehenden einfing, noch bevor seine Worte es konnten.
Überall wurde gefeilscht. Münzen klirrten, Stimmen hoben und senkten sich, Lachen mischte sich mit gespielter Empörung. Käufer schüttelten den Kopf, Händler schlugen sich theatralisch an die Brust, als würde jeder Preis ihre Ehre verletzen. Dann ein Handschlag, ein Nicken - Einigung. Die Waren wechselten den Besitzer, begleitet von einem letzten augenzwinkernden Spruch.
Zwischen den Ständen stapelten sich die Produkte in sorgfältig aufgetürmten Haufen: Gewürze wie gemahlene Sonne, getrocknete Früchte in warmen Brauntönen, Stoffe, die im Wind flatterten. Kinder huschten hindurch, Boten riefen Nachrichten aus, und über allem lag ein vielschichtiger Klangteppich, der den Bazar zu einem einzigen, pulsierenden Organ machte - chaotisch, laut und voller Leben.
Der Duft von 1001 Nacht schwebte über allem, schwer und tröstlich, und für einen Moment war die Reise zu den Inseln nur eine Fortsetzung jenes alten Weges, der einst zwischen den Kegeln aus getrockneten Früchten begonnen hatte.
"Die Yahya hat jemand gutgesinntes verdient." sagten sie.
Schäpsky war gerührt.
Er, der Küstennomade, der Flaneur und Wandergeist, der nie lange irgendwo blieb, fühlte sich zum ersten Mal seit Zabulistan so etwas wie Zugehörigkeit.
ein seltsamer Besucher
Am dritten Tag der Restaurierung geschah etwas Merkwürdiges.
Am späten Nachmittag, als Schäpsky gerade ein neues Brett in den Kiel der Yayha trieb, trat ein alter, großer, hagerer Mann aus dem Gedränge hervor, die Haut wie getrocknetes Seegras, von Sonne und Zeit gegerbt.
Sein Gesicht wr von tiefen Furchen durchzogen, als hätten Wind und Sand ihre eigenen Wege gezeichnet.
Auf dem Kopf trug er einen Turban, in den kleine Muscheln eingenäht waren; sie schimmerten, als hätten sie schon viele Meere gesehen.
Er sah aus wie ein Beduine aus der Sahara, verloren und doch vollkommen am richtigen Ort. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, dunkel und wachsam, und ruhten einen Moment zu lang auf den Menschen, als wüssten sie mehr, als sie preisgeben. Wenn er sich bewegte, war es ruhig und gemessen, fast lautlos, als würde er den Boden nur aus Höflichkeit berühren.
Er roch nach Staub und Wind, nach weiten Wegen und Nächten unter offenem Himmel.
Ein Geruch, der Gesichten erzählte von Karawanen, die im Morgengrauen aufbrachen, von Lagerfeuern, die im Sand verglühten, und von Sternen, die näher schienen als irgendwo sonst. ALs er den Mund öffnete, senkte sich unwillkürlich die Lautstärke um ihn herum, als lausche selbst selbst der Bazar auf eine Stimme, die aus einer anderen zeit kam.
Er stellte sich nicht vor und sagte:
"Die Karte......, die ihr gefunden habt - die führt nicht nur nach Punkätsch-Udhaas. Sie führt zu etwas, das einst verloren ging. Geraubt und weggebracht von diebischen Elstern. Dämoenen mit denen man einst gemeinsam durch die Sahara, durch die Meere und Täler zog. Verflucht mit einem Herzen aus Stein, Groll und Missgunst. Ein Herz dessen Stimme eines Tages verstummte, weil es Dinge sehen und fühlen musste, welche so ein kleines Herz nie hätte erfahren sollen."
Florenia erstarrte und hielt kurz inne.
"Woher weisst du von der Karte?"
Der Mann jedoch antwortete nicht.
Stattdessen berührte er den Bug der Yahya mit zwei Fingerspitzen.
Ein Zittern ging durch das Holz, als kenne es ihn.
"Dieses Boot kennt mich", murmelte er.
Dan drehte er sich um, winkte Miro zu - der den Schweif hob,- und schlenderte über die Düne hinweg ohne ein Geräusch zu hinterlassen.
Schäpsky schwieg lange.
Florenia legt ihre Hand über seinen Rücken.
"Wir sind nicht die ersten, die diese Karte lesen", sagte sie leise.
"Vielleicht sind wir die ersten, die sie richtig verstehen."
.........